Shame
"Don't you think that's sad?"
Inhalt
Der New Yorker Brandon (Michael Fassbender) ist Sexsüchtig und diese Sucht bestimmt sein ganzes Leben: Er konsumiert pausenlos Pornofilme, onaniert morgens in der Dusche und dann später auch auf der Toilette seines Arbeitsplatzes und ist immer auf der Suche nach dem nächsten One-Night-Stand. Wirklich fühlen tut er dabei nichts, für ihn stellt der Sexualakt nur reine Triebbefriedigung dar. Aus seinem tristen, leidenschaftslosen und eingefahrenen Leben wird er erst herausgerissen, als seine emotional-instabile Schwester Sissy (Carey Mulligan) bei ihm auftaucht und beginnt ihn aus seiner gnadenlosen Monotonie herauszureißen.
Kritik
Der deutsch-irische Schauspieler Michael Fassbender zählt momentan wohl zu den gefragtesten Darstellern Hollywoods. Nicht nur überzeugte er zuletzt in anspruchsvollen Dramen, wie "Jane Eyre" und "Eine dunkle Begierde", sondern mischte durch seine Darstellung des jungen Magneto auch den Blockbuster "X-Men: Erste Entscheidung" gehörig auf. Den schlussendlichen Durchbruch hat Fassbender aber nur einem Mann zu verdanken: Dem britischen Künstler Steve McQueen, der Fassbender in einer schwierigen Phase seiner Karriere für die Hauptrolle in seinem Regiedebüt "Hunger" besetzte, in dem Fassbender dann seine bisher intensivste und beste Leistung seiner gesamten Karriere ablieferte. Nun treffen McQueen und Fassbender wieder aufeinander und wieder stachelt McQueen Fassbender zu Höchstleistungen an: Das betörend-intensive Drama "Shame" zeigt einen Michael Fassbender auf der Höhe seines Könnens in einem berauschend-gut inszenierten Charakterdrama, welches einem in die dunkle Seele eines emotional tief gestörten Mannes führt.
Regisseur und Drehbuchautor Steve McQueen wählte auch bei seiner zweiten Regiearbeit ein schwieriges und überaus komplexes Thema. Nach der Schilderung des Hungerstreiks des IRA-Mitglieds Bobby Sands geht es in McQueens zweitem Werk nun um das Ausloten der inneren Antriebskräfte eines sexbesessenen New Yorker Geschäftsmanns, der sich mehr und mehr in einem Strudel von selbstzerstörerischem Verhalten verliert und dabei beginnt, zugrunde zugehen. Ein leichtes wäre es gewesen einen typischen Läuterungs-Film zu inszenieren, bei dem es um die Bedeutung wahrer Gefühle geht. McQueen macht es sich aber nicht so leicht und verzichtet auf moralische Läuterungsszenen, sondern zeigt den Alltag dieses gestörten, tief kranken Mannes, ohne dabei selbst wirklich Stellung zu beziehen.
Dass dieses Vorhaben so gut gelingt, ist einerseits dem groß aufspielenden Hauptdarsteller Michael Fassbender und andererseits der unterkühlten, versierten, künstlerisch aufgeladenen Inszenierung McQueens zu verdanken, der die Geschichte in flirrend-atmosphärische Bilder packt, die oft schon selbst genug über das Seelenleben des Hauptprotagonisten Brandon aussagen, so dass Dialogszenen oftmals gar nicht erst notwendig sind: Die Kraft der Bildkompositionen reichen aus. So ist "Shame" auch ein Film, bei dem es gerade darum geht, was nicht gesagt wird, was unterdrückt wird: Liebe, Zuneigung und aufrichtige Emotionen. Für Brandon sind Frauen nicht mehr, als ein Mittel zur Triebbefriedigung, von längerfristigen Beziehungen hält er demnach auch nicht viel. Einzig seine Schwester Sissy schafft es, so etwas wie Gefühle bei dem von der Gesellschaft isolierten, abgestumpften Individuum hervorzulocken.
Die Beziehung von Brandon zu seiner Schwester bildet auch den Kern dieses schockierenden Dramas. In einer der besten Szenen des Films geht Brandon in eine Bar, wo seine Schwester einen Gesangsauftritt hat. Sie singt Frank Sinatras legendären Song "New York, New York" mit einer solch tiefen Traurigkeit, dass dies nicht nur den Zuschauer, sondern auch den sonst so verschlossenen Brandon zu Tränen rührt. Was in dieser Szene alles über dieses Geschwisterpaar nur mit Blicken offenbart wird, ist meisterlich. Carey Mulligan und Michael Fassbender sorgen mit ihrem intensiven Spiel für einen atemberaubenden Moment emotionaler Wahrhaftigkeit, welcher sich nachhaltig ins Bewusstsein bohrt. Ein weitere Szene, die in ihrer brutalen Gnadenlosigkeit einen schier aus dem Kinosessel fegt, ist eine der letzten des Films, eine Szene, die den finalen Kulminationspunkt bildet und in seiner szenischen Gestaltung von so ungeheurer Traurigkeit ist, dass es einem förmlich das Herz zerreißt.
In der kritischen Rezeption von McQueens "Shame" wurde häufig auf der Offenherzigkeit des Films und vor allem der Nacktszenen von Fassbender herumgeritten. Doch die vielen Sexszenen werden von McQueen nie selbstzweckhaft, sondern immer als erzählerische Mittel benutzt und nie war der Geschlechtsakt unerotischer, unterkühlter und leidenschaftsloser, als in diesem Werk.
Fazit
Nach kleinen anfänglichen Längen entfacht McQueen in seiner zweiten Regiearbeit ein ungeheuer intensives, gnadenlos-ungeschöntes Charakterdrama, welches sich mit menschlichen Emotionen und Beziehungen vielschichtig auseinandersetzt und durch zwei großartig-darstellende Künstler in Person von Carey Mulligan und Michael Fassbender formidabel besetzt ist. Ein Kinoalbtraum, der aufrüttelt, schockiert, rührt und begeistert.
"Shame" ist ab dem 13. September 2012 auf DVD und Blu-ray erhältlich.
Moritz Stock - myFanbase
18.03.2012
Diskussion zu diesem Film
Weitere Informationen
Originaltitel: ShameVeröffentlichungsdatum (Großbritannien): 13.01.2012
Veröffentlichungsdatum (DE): 01.03.2012
Länge: 101 Minuten
Regisseur: Steve McQueen
Drehbuchautor: Abi Morgan , Steve McQueen
Genre: Drama
Darsteller/Charaktere
Michael Fassbender
als Brandon Sullivan
Carey Mulligan
als Sissy Sullivan
Nicole Beharie
als Marianne
James Badge Dale
als David Fisher
Amy Hargreaves
als Geliebte im Hotel
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