Bewertung
Mark Raso

Awake

Foto: Gina Rodriguez & Ariana Greenblatt, Awake - Copyright: 2020 Netflix, Inc.; Peter H. Stranks/Netflix
Gina Rodriguez & Ariana Greenblatt, Awake
© 2020 Netflix, Inc.; Peter H. Stranks/Netflix

Inhalt

Nachdem ein erschreckendes globales Event dafür gesorgt hat, dass es keine Elektrizität mehr gibt, stellen die Menschen zudem fest, dass sie nicht mehr schlafen können. Das wird die Menschheit auf Dauer vernichten, da der Geist immer zuerst in den Wahnsinn gleitet, bevor dann der gesamte Körper abschaltet. Matilda (Ariana Greenblatt), die Tochter der ehemaligen Soldatin Jill (Gina Rodriguez), kann aber schlafen und genau diese Ausnahmen werden händeringend gesucht, um Antworten zu finden, wie die Menschheit wieder zum Schlaf kommt. Jill muss sich in ihrer Rolle als Mutter überlegen, ob sie ihre Tochter tatsächlich zum Versuchskaninchen machen lässt.

Kritik

Gina Rodriguez für eine Serie oder hier einen Film wie "Awake" zu besetzen, kann keinesfalls falsch sein, denn sie hat schon zu Genüge bewiesen, dass sie eine Darstellerin ist, die das Geschehen problemlos an sich reißen kann, weil sie hochemotional spielt. Ob nun als naive, fröhliche und lebensbejahende Jane in "Jane the Virgin" oder als knallharte Frau im Katastrophenfilm "Deepwater Horizon"; bei Rodriguez muss man sich keine Sorgen machen, dass sie irgendetwas nicht könnte. Nach dem eher lustigen "Someone Great" für Netflix, geht es mit "Awake" – ebenfalls wieder für den Streamingdienst – ums nackte Überleben. In doppelter Mutterrolle wirkt ihre Figur Jill auch sehr erwachsen, auch wenn sie dennoch nicht fest im Leben verankert ist, wie relativ schnell zu erkennen ist. Das Schicksal hat es mit dem Tod ihres Mannes nicht gut gemeint und da sie als Soldatin ohnehin mit ihren Dämonen zu kämpfen hatte, ist sie in die Drogensucht abgerutscht, die ihr das Sorgerecht ihrer beiden Kinder Matilda und Noah (Lucius Hoyos) gekostet hat. Daher ist Jill ohne Frage eine Frau, die hart dafür kämpft, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen, aber dafür muss sich von ganz unten hochkämpfen, was ihr nicht ganz einfach fällt. Ohne Frage füllt Rodriguez diese Rolle auch spielerisch leicht aus und beweist so, dass zukünftige Rollen bei ihr nicht planbar sind, weil sie dafür zu wandelbar ist. Hier ist es eben eine Löwenmutter, die aufgrund ihres vormaligen Daseins als Soldatin trotz aller Emotionen eine gewisse Kühle und prägnante Analysefähigkeit hat, die sie manchmal entrückt wirken lassen. Dennoch hat man als Zuschauer*in zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass sie nicht das ausschließlich Beste für ihre Kinder will.

Mit dem guten Schauspiel von Rodriguez sind wir aber schon an dem Punkt, an dem ich mit den positiven Aspekten schon wieder am Ende bin. Katastrophenfilme oder Dystopien sind wahrlich nicht meine liebsten Genres, dennoch habe ich schon genug dieser Art gesehen, weswegen ich die Prämisse des Films sogar recht ansprechend fand. Der Filmtitel ist hier Programm, aber dennoch war ich überrascht, wie übergangslos wir mitten in der Katastrophe steckten, ohne dass wirklich deutlich wurde, was hier gerade eigentlich passiert. Nach einem Stromausfall findet sich das Auto von Jill und ihren Kindern auf einmal in einem See wieder. Sie können sich alle retten, aber dieses vermutlich mehr als schreckliche Erlebnis wird wie eine zweite Haut abgestreift und am nächsten Morgen fällt auf, ach, da hat doch keiner bis auf Matilda geschlafen. Wie gesagt, der Filmtitel hat mehr als deutlich gemacht, dass es um die Schlaflosigkeit in diesem Film gehen wird, aber der Umstand war auf einmal da und alles Weitere bleibt völlig im Dunkeln.

Es wird schnell klar, dass "Awake" nicht bemüht ist, wissenschaftliche Fragen und Antworten zu liefern. Eine mögliche Erklärung wird nämlich in einem Nebensatz abgehandelt. Stattdessen geht es wirklich nur ums Überleben bzw. für Jill geht es irgendwann darum, dass ihre Tochter Matilda, wenn sie als eine der wenigen überlebt, sich zurechtfinden können muss. Ich will nicht behaupten, dass die Darstellung, wie der menschliche Geist und Körper durch Schlafmangel nach und nach zerfällt, frei erfunden ist, aber es würde mich auch überhaupt nicht wundern, wenn gewisse Aspekte frei erfunden wurden, um den Überlebenskampf noch spektakulärer darzustellen. Dazu gehörte definitiv auch, dass in kleineren Sequenzen immer wieder Hypothesen aufgestellt wurden, wie verschiedene Gruppen von Menschen wohl darauf reagieren, dass durch den Schlafmangel bald das Ende bevorsteht. Die einen beten nackt die Sonne an, die anderen wenden sich der Kriminalität zu. Doch es ist wie gesagt bei Andeutungen geblieben.

Andeutungen trifft auch den Rest ganz gut, denn auch wenn der Film einen durchgängigen Spannungsbogen aufweist, so kann er nicht anders als oberflächlich bezeichnet werden. Das fängt schon bei Noah an, denn Beziehung zu seiner Mutter Jill nicht tiefer ergründet wird. Man spürt nur seine tiefe Enttäuschung und dennoch gibt es nicht einmal ein klärendes Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Auch die Überlegungen von Jill, ob sie mit Matilda weglaufen oder sie der Forschung zur Verfügung stellen soll, waren nicht transparent gestaltet. Hier fehlte wohl vor allem eine nähere Ergründung des Verhältnisses zwischen Jill und ihrer Chefin, Dr. Murphy (Jennifer Jason Leigh). Denn wir als Zuschauer*innen haben in erster Linie erlebt, dass Jill sie hintergangen hat, obwohl sie von ihr nach ihrer Entlassung aus dem Dienst und der Drogensucht aufgenommen wurde. Warum also diese Zweifel? Gab es Dinge über Dr. Murphy, die uns nicht gezeigt wurden oder war es nur sinnbildlich für die Wissenschaft, die ohnehin kein Gewissen hat, wenn es um den persönlichen Erfolg geht? Zuletzt haben wir noch Dodge (Shamier Anderson), der als Strafgefangener für einen kurzen Moment der Held der Stunde wird, aber am Ende des Tages bleibt auch er völlig austauschbar. Der Film war offenbar nur auf Jill, Schockmomente und Action ausgerichtet. Das ist angesichts des Potenzials von Rodriguez und zu vermeidender Stereotypen leider zu wenig. Erst am Ende wird es wieder interessanter, da eine Lösung für die Schlafproblematik angedeutet wird. Doch das ist auch eher mit einem Augenzwinkern zu sehen, weil ausgerechnet ein Kind und ein Jugendlicher alles durchschauen…

Fazit

"Awake" besticht mit einer interessanten Idee und Gina Rodriguez in der Hauptrolle, die den Film problemlos mit ihrem Schauspiel beherrscht. Doch eine klare inhaltliche Ausrichtung sowie tiefergehende Momente, vor allem in Bezug auf die Charaktere, bleiben leider aus, weswegen der Film wohl eher nicht länger in Erinnerung bleiben wird.

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Lena Donth - myFanbase
14.06.2021

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