Interview mit Jonathan Tucker
9. Dezember 2015 | Schaut man sich das starbesetzte Hell's-Kitchen-Drama "Sleepers" von 1996 an, wird man vor allem eines nie vergessen: die Augen der vier Jungen, die in einem Heim für jugendliche Straftäter landen. Einer dieser Jungen wurde von Jonathan Tucker gespielt und seine Augen sind heute nur noch ausdrucksstärker geworden. Ob sie Einblick in das Seelenleben seiner hitzigen, aber doch grundehrlichen Figur des Jay Kulina im Kampfsportdrama "Kingdom" gewähren, Aufschluss über den Grad an Gefährlichkeit des jungen Revolverhelden Boon im Crimedrama "Justified" geben oder vor Selbstüberzeugung im glatten Gesicht des Politikers Bob Little in "Parenthood" sprühen. Jonathan Tuckers Figuren faszinieren und dies nicht zuletzt wegen der Intensität seiner fesselnden Blicke. Mit seinen Rollen setzt Jonathan sich auf eine ganz besondere Art und Weise auseinander, was auch in unserem Interview durchscheint.
Achtung: Das Interview enthält Spoiler zu "Kingdom" Staffel 2!
Hier könnt ihr das Originalinterview nachlesen. | Read the original interview in English.
1) Ehrengast Jay's Sunglasses ist bei uns, um die erste Frage zu stellen: Jonathan, Kumpel, ich häufe Twitter-Follower an, während Jay mich mittlerweile mehr und mehr als Schutzschild trägt. Was ist los? Versucht er, seine Seele und den Schmerz zu verstecken?
Sonne, Stil, Traurigkeit.
2) Jays Beziehung mit Christina hat eine drastische Wendung genommen in dieser Staffel. Zu sehen, wie er Heroin nimmt, war hart. Aber was war sein Motiv? Versucht er immernoch, seine Mutter zu beschützen oder ist es jetzt mehr eine Strafe?
Es gibt zwei Wege, um Licht zu verbreiten: die Kerze zu sein oder der Spiegel, der sie reflektiert.
3) Wir haben das Gefühl, Nate und Jay waren sich in Staffel 1 viel näher als in Staffel 2. Was denkst du, hat sich geändert?
Nate und Jay sind sich so nah wie immer, aber Nates innerer Konflikt isoliert ihn in Staffel 2 stärker.
4) Was wir an deinem Charakter lieben, ist, dass er und Alvey sich ohne es zu merken so ähnlich sind. Sie sind beide an erster Stelle ein Kämpfer. Warum stehen sie sich nicht näher?
Alvey und Jay sind in vielerlei Hinsicht Gegenstücke zu einander. Aber während Alvey unfähig ist oder sich weigert, die Welt so zu sehen, wie sie ist (die Wunden, die er seiner Familie zugefügt hat und somit auch sich selbst), geht Jay offen mit seinen Dämonen und Unzulänglichkeiten um. "Ich bin süchtig, aber zumindest weiß ich es."
5) Wir lieben an der Serie am meisten, dass immer dann, wenn man glaubt, aus einer Figur schlau geworden zu sein, haut sie dich völlig um. Wie schwer ist es, so einen unberechenbaren Charakter zu spielen?
Das Fundament ist bei Jay aus Stahl und Beton. Es ist tief, rein und unveränderlich. Was die Zuschauer sehen, ist darauf aufgebaut. Es ist der kleine Teil des Eisbergs oberhalb des Meeresspiegels.
6) Besonders faszinierend sind bei "Kingdom" auch die Abhängigkeiten in den Beziehungen der Charaktere. Denkst du, Ryan und Jay sind völlig unabhängig in ihrer Freundschaft? Und ändert sich das gerade, da Jay etwas beweisen will, indem er gegen Ryan kämpft?
Ryan ist mein wahrer Freund. Stahl schärft Stahl. Es hätte keinen anderen Weg gegeben.
7) Byron Balasco hat in dieser Serie ein sehr authentisches Millieu erschaffen. Kannst du uns ein wenig über seine Art mit den Schauspielern zu arbeiten erzählen?
Byrons einzigartige Stimme ist das, wodurch sich "Kingdom" von anderen Geschichten im Fernsehen abhebt. Er ist ein Autorenfilmer im Stil von Matthew Weiner und Vince Gilligan.
Als Tanzpartner gibt er die Musik vor und ich sorge dafür, dass meine Schnürsenkel gut verschnürt sind. Er ist einer der talentiertesten, dynamischsten und ehrlichsten Künstlern, mit denen ich das Privileg hatte zu arbeiten.
8) Eine andere herausragende Serie, in der du dieses Jahr mitgespielt hast, ist "Justified". Als wir vor einer Weile mit Walton Goggins interviewten, sagte er "Es ist eine Welt, die mich wirklich interessiert, eine Tonart, in der ich gerne spiele, und eine Komplexität, die im Fernsehen selten ist." Empfandest du ähnlich bei der Arbeit an "Justified"?
Ich habe Waltons Arbeit lange bewundert und ich könnte mit seinen Empfindungen zu "Justified nicht mehr übereinstimmen. Es war ein Nervenkitzel und eine Ehre, in der letzten Staffel Teil von Graham Yosts und Elmore Leonards Welt zu sein. Einen Film oder eine Serie zu drehen ist sehr ähnlich wie einen fahrenden Zug auszurauben: Du musst wahnsinnig gut vorbereitet sein, schrecklich selbstbewusst, überaus fähig, und absolut offen dafür, deine Strategie im Handumdrehen zu ändern. Dieser Zug hatte die Wucht von sechs Staffeln und einer überdurchschnittlich talentierten Besetzung & Crew. Ich musste alles aus mir herausholen.
9) "Hannibal" ist noch so eine außergewöhnliche Serie, in der du einen faszinierenden CHarakter gespielt hast. Es gibt wahrscheinlich keine andere Serie, die so atemberaubend schön anzusehen ist, schon gar nicht über einen Serienkiller. Vom Skript zum Bildschirm, was war dein Eindruck von der Arbeit an dieser Serie?
Bryan Fuller ist noch einer dieser Autorenfilmer im Fernsehen. Wenn von ihnen jemand anruft: geh ran! Bryan ist mit mir in den Charakter Matthew Browns eingetaucht und ich habe mich mehr gefreut, als ich sagen kann, dass die Zuschauer sich von dieser gemeinsamen Erfahrung angesprochen gefühlt haben.
10) "Sleepers" ist und wird immer einer unserer Lieblingsfilme sein, und es ist einer der besten Filme der 90er! Woran erinnerst du dich am besten? War es schwer, als junger Schauspieler mit diesem Stoff zu arbeiten?
Ich erinnere mich an diesen Film mit großer Zuneigung und Klarheit. Es war ein bahnbrechender Ritt sowohl für mich als Junge wie auch als Schauspieler. Es ist schwer herauszukitzeln, wo der Mensch endet und der Schauspieler beginnt. Wir sind ein Produkt unserer Reise und all dieser Geschichten, die uns jeden Tag erzählt werden.
Bei "Sleepers" war mein Lateinlehrer ein Priester aus dem Ort und wir haben im Central Park Unterricht gehabt. Ich war in der Verteidigung beim Baskettballspielen mit Robert De Niro. Das Zimmermädchen im Radison Empire Hotel weinte, als ich ihr nach unserem dreimonatigen Aufenthalt ein Trinkgeld gab, weil sie sich endlich ein Paar neue Schuhe kaufen konnte. Ich habe in New York Akzente mit Barry Levinson geübt. Ich war dreizehn. Ich habe viel gelernt. Ich lerne immer noch.
Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast, Jonathan, wir wünschen dir alles Gute!
Nicola Porschen und Nicole Oebel - myFanbase
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