The Knick - Review
#2.10 This Is All We Are (9/9)

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In einem Interview mit dem "People Magazine" hat der US-amerikanische Präsident Barack Obama noch vor kurzem Steven Soderberghs Historiendrama "The Knick" als seine Lieblingsserie im Jahr 2015 bekannt gegeben – in diesem Punkt kann ich ihm nur Recht geben. Nachdem ich von der ersten Staffel schon sehr angetan war, hat sich das Niveau in der zweiten Staffel noch gesteigert. Ich saß die Tage vor der Ausstrahlung des "The Knick"-Finales wie auf heißen Kohlen. Meine Erwartungen an die finale Folge waren sehr hoch. Und ich wurde nicht enttäuscht. "This Is All We Are" ist ein meisterhaftes (Staffel-?)Finale einer meisterhaften Serie.

"This is it. This is all we are."

"This Is All We Are" ist eine düstere Episode, die mit einem Schocker die Gemüter erhitzt. Protagonist Dr. John Thackery (Clive Owen) stirbt allem Anschein nach auf dem OP-Tisch, während er sich vor großem Publikum selbst operiert. Seine letzten Worte enthalten den Episodentitel: "This is it. This is all we are." Das war es also. Unsere Körper bestehen rein physikalisch gesehen nur aus einer Anordnung von Organen, verbunden durch den Blutkreislauf und umgeben von Knochen. Das ist alles, was wir sind. Dass "Thack" entgegen Gallingers (Eric Johnson), Edwards (Andre Holland), Chickerings (Michael Angarano) und Zinbergs (Michael Nathanson) Abraten darauf besteht, die Operation an sich selber durchzuführen, selbstverständlich ohne Vollnarkose, zeigt auf tragische Weise seinen Hang zur Selbstzerstörung. Er konnte sich den Tod des Mädchens aus der ersten Staffel, das er unter Drogeneinfluss als Versuchskaninchen für den Test einer seiner neuen Erfindungen benutzt hat und das noch auf dem OP-Tisch verstarb, niemals verzeihen. Sie verfolgte ihn bis in seine Träume. Und als die große Liebe seines Lebens Abigail 'Abbie' Alford (Jennifer Ferrin) in der vorletzten Folge ganz plötzlich und unerwartet während eines einfachen Eingriffs ums Leben kam, verlor Thackery endgültig seine Motivation, den Drogen fern zu bleiben. "It's overwhelmingly safe." - "That's what I told Abby." Bevor er den "Operationszirkus" betritt, um sich selber zu operieren, greift er erneut zur Kokain-Spritze.

Was bedeutet der scheinbare Tod des Protagonisten für die Zukunft der Serie? "Variety" berichtete vor ein paar Tagen, dass der verantwortliche Sender Cinemax ein Script für eine mögliche dritte Staffel beauftragt hat und aktuell Gespräche mit Creator Steven Soderbergh über eine mögliche Fortsetzung der Serie führt. Allerdings wurde auch gesagt, dass "The Knick" von Beginn an als Zwei-Jahres-Erzählbogen konzipiert wurde.

"Love. I asked a woman to be my wife. She's hesitating. Maybe she senses something. Figuring maybe I need to confess before God lets her say yes. See, me and her, a ways back, we worked together. That's when I started having feelings for her. And I know she was having feelings for me, too. But there was no way that I could, uh... make her my own seeing as how she was... married to the Church and all. Then I figured a way out. I set her up."

Der zweite Plot-Twist, neben Thackerys Tod, mit dem ich so gar nicht gerechnet habe, ist das, was Tom Clearly (Chris Sullivan) in seiner Beichte, die keine Beichte sein soll, dem Priester mitteilt. Er war es, der Sister Harriet (Cara Seymour) verraten hat und der Polizei den Hinweis gab, dass sie illegale Abtreibungen vornimmt. Darüber war ich eigentlich entsetzter als über den Tod von Thackery. Bis zu diesem Moment habe ich mir gewünscht, dass Harry und Tom zusammen kommen würden und sie seinen Heiratsantrag annimmt, was sie nun auch getan hat. Aber dass er so weit gehen würde, um ihr näher zu kommen, hat mich geschockt. Nun weiß ich nicht wirklich, was ich davon halten soll, dass die beiden heiraten werden. Denn mit diesem Verrat ist Tom in meinen Augen einen Schritt zu weit gegangen. So ein Vergehen kann keine gute Basis für eine solide Beziehung sein.

"He's a titan again because of me." - "You're making me sick." - "He had to go."

Der dritte Plot-Twist, den ich nicht vorhergesehen habe, ist, dass der profitversessene Henry Robertson (Charles Aitken) der eigentliche Bösewicht ist und nicht, wie in der letzten Folge vermutet, Captain August Robertson (Grainger Hines). Er hatte zwar bereits hinter dem Rücken seines Vaters in den Bau der New Yorker U-Bahn investiert, aber dass er eiskalt kranke Menschen ins Land bringt, um Kosten zu sparen und soweit gehen würde, seinen Vater und seine Schwester zu ermorden, hätte ich nicht erwartet. "You’re a monster." Schade finde ich, dass Cornelia "Neely" (Juliet Rylance) ihren Bruder mit der neu gewonnen Einsicht unter vier Augen konfrontieren musste – hätte sie nicht einfach direkt zur Polizei gehen können oder ausnahmsweise ihren Ehemann Phillip (Tom Lipinski) einweihen können? Oder sich gar an Algie wenden können? Ihren Entschluss, nach der Morddrohung ihres Bruders, das Land zu verlassen, erscheint mir allerdings als folgerichtig. Hätte sie von den Missetaten ihres Bruders nichts erfahren, wäre sie bereit gewesen, die Rolle der Hausfrau beziehungsweise Gesellschaftsdame an der Seite ihres Ehemannes anzunehmen. Eine Rolle, die ihr nicht gestanden hätte.

"I'm angry that they made you turn your eyes to the ground. And then they made you too scared to look up." - "Boy, you have no idea what I've seen. If I hadn't learned to turn to God, I wouldn't be here and neither would you."

Ein Highlight der Finalepisode stellt für mich der Dialog zwischen Algie Edwards und seinem Vater Jesse (Leon Addison Brown) dar. Sein Vater spricht Algie auf das verwundete Auge an, das im Kampf mit Dr. Gallinger entstanden ist, und fragt ihn, warum er denn die ganze Zeit so wütend sei. Schließlich habe er es als schwarzer Chefchirurg im Jahre 1901 viel weiter gebracht als die meisten anderen. "I'm angry that they made you turn your eyes to the ground. And then they made you too scared to look up."

"I'm having bad dreams." - "Really? Tell me about them."

Noch ein paar Worte zu den zwielichtigen Figuren Herman Barrow (Jeremy Bobb), Manager des Knickerbocker Hospital, und Nurse Lucy Elkins (Eve Hewson). Herman Barrow hat mit seinen skrupellosen Machenschaften das erreichen, wovon er immer geträumt hat. Jedenfalls auf den ersten Blick. Er lebt mit der Prostituierten, die er "frei" gekauft hat, in einem teuren Apartment und gehört nun dem Metropolitan Club der mächtigen und hochangesehenen New Yorker an. Der weitreichende Einfluss der Clubmitgliedschaft führt sogar dazu, dass sich der im Brandfall des neuen Knickerbocker Hospitals ermittelnde Detective bei Barrow dafür entschuldigen muss, dass er ihn als Brandstifter verdächtigt hat. Doch wir Zuschauer bekommen noch mehr zu sehen und können erahnen, dass Barrow am Ende alles verlieren wird. Geld, Liebe und Gesundheit. Denn er überschreibt sein ganzes Vermöge als Vorsichtsmaßnahme angesichts der polizeilichen Ermittlung auf den Namen seiner neuen Geliebten, Junia (Rachel Korine). Die stellt sich beim Unterzeichnen der Dokumente dumm, doch es deutet vieles darauf hin, dass sie mit seinem Vermögen verschwinden wird. Der Hautausschlag auf seinen Händen deutet im Übrigen auf Syphilis hin. Jeder bekommt das, was er verdient.

Die Krankenschwester Lucy Elkings hat den sozialen Aufstieg schafft. Als Cornelia Robertson von ihrem Bruder auf dem Treppenabsatz bedroht wird, marschiert Lucy nach oben, um bei Henry einzuziehen. Nachdem Lucy ihren Vater auf brutale Weise ermordet hat, passt sie doch relativ gut zu Henry.

Die Folge endet damit, dass Dr. Edwards, der aufgrund seiner Augenprobleme zukünftig nicht weiter als Chirurg arbeiten können wird, das Erbe von Dr. Thackery und Abbie in Sachen Suchttherapie antritt. "With my eye likely gone, I'll need another vocation." Er steht ihrem Patienten, einem Alkoholiker, als Psychotherapeut zur Seite.

Fazit: "The show must go on."

#2.10 This Is All We Are ist das düstere, grandiose Finale der zweiten Staffel einer noch viel zu unbekannten und unterschätzen Dramaserie. Das Finale bot viele überraschende und schockierende Momente und könnte auch als fulminantes Serienende dienen. Ich wäre mit diesem Ende jedenfalls zufrieden. Zum jetzigen Zeitpunkt (21.12.2015) seht noch nicht fest, ob und wie es mit "The Knick" weitergeht. Die Frage ist, wie eine dritte Staffel ohne den überragenden Clive Owen aussehen könnte?

Ann-Christin W. - myFanbase

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