Interview Evan Williams: "Ich hoffe, 'Versailles' Staffel 2 wirkt noch mutiger. Nur so geht es voran."

Evan Williams über die Eitelkeit und Verwundbarkeit des Chevalier de Lorraine in "Versailles" und über bewegende Momente mit dem buildOn-Project Nep-ALL-In in Nepal

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Evan Williams
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2. Mai 2017 von Nicole Oebel @philomina_

Hier könnt ihr das Originalinterview nachlesen. | Read the original interview in English.

Vier Jahre sind seit Staffel 1 vergangen und der Chevalier war den Großteil davon im Exil. Was denkst du über Chevys Machenschaften? Was ist zwischen den Staffel geschehen, was den König dazu veranlasst hat, den Chevalier gerade jetzt ins Exil zu schicken?

Auf den ersten Blick sieht es fraglos so aus, als habe unser Chevy das Beste draus gemacht. Auch wenn er eigentlich im Exil war, war er noch immer ein Adliger, und der Historie zufolge war er in den höchsten Kreisen Roms eine Berühmtheit. Was für eine Überraschung. Es sieht tatsächlich so aus, als wäre er gerade nach Versailles zurückgebracht worden, als ein Skandal nach dem anderen dafür gesorgt hatte, dass er in den besagten Kreisen nicht mehr so willkommen war. Insofern war es sein Glück, dass er für den König eine wertwolle Schachfigur war. Der Chevalier war immer dabei, sich in Schwieirgkeiten zu bringen, und wenn ein Grund gebraucht wurde, ihn vor die Tür zu setzen, hätte Louis eine lange Liste gehabt. Im Grunde aber, glaube ich, war es immer der Ansatz, in seiner Beziehung zu Philippe ein Druckmittel zu haben (wahrscheinlich ist das auch der einzige Grund, warum der Chevalier seinen Kopf nicht verloren hat). Es war eine extrem wichtige und effektive Möglichkeit für Louis, seinen Bruder manipulieren zu können, der innerhalb der eigenen Familie die größte Bedrohung für seine Herrschaft bedeutete, symbolisch sowie tatsächlich. Daher wird das exakte Vergehen, für das der Chevalier ins Exil geschickt wurde, in der Serie vage gelassen - vielleicht in dem Versuch, die politischen Winkelzüge hervorzuheben. Was es auch war, es kam dem König in dem Moment gelegen. Man sagt, es gibt immer einen Grund für Hochverrat. Eigentlich sagt das niemand. Aber ich denke, man sollte.

In den Promofotos sehen wir den Chevalier hauptsächlich im Spiegel, wir sehen also nur ein verzerrtes Bild von ihm. Würdest du ihn in Staffel 2 noch immer als Iago bzw. doppelzüngigen Bösewicht bezeichnen oder ist er mehr ein blasses Abbild, nachdem er vom König so lange ins Aus gestellt wurde?

Wenn wir uns den Chevalier als Zwiebel vorstellen (duftend natürlich), denke ich, hat Staffel 1 uns durch die Schale geführt und die dicksten Außenhäute geöffnet. Wir durchschauen die Prahlerei, das gebieterische und impulsive Gehabe, und sehen nun einen aufgewühlten Mann verzweifelt auf der Suche nach Liebe auf unsicherem Terrain. Er ist natürlich immer noch eitel. Ich meine, im Ernst, man schickt kein Pony auf die Weide und erwartet dann, dass es nicht grast. Staffel 2 nimmt uns mit in die tieferen Ebenen, fordert eine Verletzlichkeit hervor, die darüber hinausgeht, was er bisher durchgestanden hat. Ich glaube wirklich, die Frage, die ihn (und ehrlicherweise viele von uns) gnadenlos verfolgt, ist "Wer bin ich?". Es beginnt als Kratzen an der Tür und wird zum Buschfeuer, wenn man sich nicht damit beschäftigt. Wir sehen, wie Chevy sich verdreht, um dem auszuweichen - typisch, dass das nur zum Disaster führt. Ich würde also sagen, wenn der literarische Iago die Karten sicher in der Hand hält, dann ist der Chevalier in Staffel 2 dabei, seine Karten vom Boden aufzuheben, bevor jemand ihren Wert sehen kann. Es war von Anfang an ein Glücksspiel und er ist dabei zu verlieren. Haushoch.

Den ersten Folgen der zweiten Staffel nach zu urteilen, ist die Serie noch mutiger geworden. Würdest du sagen, das liegt daran, dass die Autoren euch beobachten konnten und euch die Szenen nun auf den Leib schneidern?

Absolut. Es ist solch ein Vergnügen und ein Privileg, mit Autoren zu arbeiten, die den Schauspielern genau so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen wie die Schauspieler ihren Worten. Text und Darstellung sind zwei separate Kunstformen in einer symbiotischen Beziehung, und ich habe die Vereinigung der beiden in dieser Staffel wirklich gespürt. Sie wissen nun, wie jeder von uns mit ihrer Ausdrucksweise umgeht (das kann ich sagen, da es einfacher geworden ist, den Text zu sprechen). Sie wissen, was ich witzig finden werde und umgekehrt. Sie wissen, wann sie unsere Münder mit Worten füllen sollten, und erkennen auch, wenn wir in der Lage sind, die ganze Geschichte mit einem Blick zu erzählen. Im Großen und Ganzen kennen sie uns als Freunde, somit wissen sie, was uns bewegt, und sie können es so in den Text einflechten, dass es uns dabei hilft, von Herzen zu sprechen. Es ist etwas Schönes, sich in einer Produktion so sicher fühlen zu können, da man wirklich weiß, dass ihnen etwas dran liegt. Das Ergebnis ist am Ende, dass die Messlatte durch viele Hände geht. Ich hoffe sehr, dass Staffel 2 noch mutiger wirkt. Nur so geht es voran.

In deiner ersten Episode in Staffel 2 sieht man deutlich, dass der Chevalier drauf aus ist, wieder mitzumischen, in Versailles dabei zu sein. Auch seine Sprüche sind eine Spur frecher. Wir wissen, Philippe liebt ihn von ganzem Herzen, aber nach vier Jahren der Trennung sind die Gefühle des Chevaliers undursichtiger denn je, oder?

Vier Jahre ist eine lange Zeit der Abwesenheit vom Zentrum des Universums. Chevy ist fraglos heiß (wie ein Meteor) auf die Rückkehr und er hat definitiv Gründe, seinen Einsatz zu erhöhren. Viele beunruhigende Fragen tauchen im Kopf auf, wenn man längere Zeit vom Geliebten getrennt ist, besonders wenn Unsicherheit einen lähmt. "Will er mich noch?", "Wurde ich ersetzt?", "Bin ich die Zielscheibe von Spott und Hohn?"; Wie kann man Zweifel besser verwischen, als sich selbst unzweifelhaft, unnachahmlich fabelhaft zu machen. Besser die Antwort zu sein als Fragen aufzuwerfen. Während er alle möglichen Fragen nach Treue auf beiden Seiten erstickt, ist Chevy begeistert, wieder da zu sein, sich im Privatschloss zuhause zu fühlen, seinen königlichen Liebhaber unter seinen Fittichen zu haben und sich einzunisten. Und doch hallt der Sirenengesang vom Hofe des Königs in seinen Ohren wider, es ist das ultimative VIP-Erlebnis, und er ist ein Mann, der nie lange woanders als im Zentrum der Party stehen kann. Ich hab diese Art Leute in Hollywood kennengelernt. Sie sind schrecklich. Und faszinierend. Letztlich ist ihre Rückkehr nach Versailles bittersüß, denn alles, was der Chevalier dachte zu haben (und worauf er alles verwettet hat), beginnt zu bröckeln und zu zerbrechen. Es ist klar, dass Chevy es liebt, von Philippe geliebt zu werden, aber durch die Herausforderungen, die in dieser Staffel auf ihn zukommen, denke ich, sehen wir, wie er anfängt zu lernen, was es wirklich heißt zu lieben. Man stelle sich das vor.

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Evan Williams, Versailles
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Der Chevalier hat seine erste Szene mit Claudine! Konntest du mit noch mehr Leuten arbeiten, mit denen du vorher noch keine Szenen gehabt hattest?

Ah! Ja! Einer der unvergesslichsten Tage des gesamten Drehs. Wir haben darüber seit dem ersten table read gekichert. Ich kann gar nicht genug von Lizzie Brochéré schwärmen, sie ist ein solch starke Frau, als Schauspielerin und als Mensch, und sie ist eine echte Freundin geworden. Der liebenswerte Nebeneffekt dieses Jobs, ich könnte nicht dankbarer für diese Leute sein, die jetzt zu meinem Leben gehören. Es macht so viel Spaß, mit Leuten zu arbeiten, mit denen du vorher schon Zeit verbracht hast, aber noch nicht vor der Kamera. Man hat all die Munition am Anschlag, weil man sich kennengelernt hat, und wenn 'action' gerufen wird, kann man einfach abfeuern. Ich finde, das Casting all der neuen Rollen in dieser Staffel war erster Klasse. Ich habe speziell die Arbeit mit Jessica Clark geliebt, die Palatine so herrlich spielt, dass ich mir abgewöhnen musste, ihr nach jedem Take Komplimente zu machen. So erfrischend und schlau und verletzlich, ich würde sie als Präsidentin wählen. Ganz egal, dass das überhaupt keinen Sinn macht.

Auch wenn wir noch nicht alle Episoden gesehen haben, ist die Rolle des Chevalier bereits jetzt deine am längsten andauernde Rolle. Wie ist es, nun für Staffel 3 nach Paris zurückzukehren?

Ich bin gerade heute morgen (Freitag, 21. April) gelandet und tippe dies, während ich aus dem Fenster meines neuen Apartments in Paris schaue. Ich freue mich wahnsinnig, mehr als ich sagen kann, wieder hier zu sein. Ich habe Staffel 2 komplett gesehen und bin total begeistert. Es wird fraglos neues Terrain beschritten im Vergleich zu Staffel 1, und das ist ganz richtig so. Ich habe noch gar nicht wirklich darüber nachgedacht, aber ja, wie es aussieht, ist der alte Chev die am längsten andauernde Rolle, die ich bisher gespielt habe. Ich bin einfach dankbar, weil ich ihn und sein verschlagenes kleines Herz liebe. Es ist so cool, mit einem Charakter zu wachsen, und ich bin sicher, die Autoren hatten keine Ahnung, wie die Dinge für diesen Charakter laufen würden. Ich hatte jedenfalls keine. Der kreative Prozess hat einen ganz eigene Vorstellung, und wir sind einfach nur da, um dem Ruf im Schweiße unseres Angesichts zu folgen. Es ist eine Ehre. Und ich verrate weiter nichts, als das Staffel 3 ein ganz schöner Trip wird!

Du hast kürzlich auf den Kurzfilm "Visitors Parking" aufmerksam gemacht, ein Film, der dich als Hauptfigur in einer isolierten, klaustrophobischen Situation zeigt. Wie ist die Arbeit daran mit der Arbeit an einer Ensemble-Serie wie "Versailles" zu vergleichen?

Ach, danke, dass du das erwähnst, ja, "Visitors Parking" zu drehen war großartig. Kurzfilme können als Erfahrung sehr lohnenswert sein. Es ist so wie eine Zeichnung im Notizbuch anzufertigen im Vergleich zu einem Ölgemälde in einem Studio. Beides ist dein Werk, Zeichen auf einer Oberfläche, aber der Ausmaß und Kontext sind anders. Ein Kurzfilm kann sehr thematisch und strukturell sein. Im besten Fall treffen sie dich irgendwo tief in dir drin wie ein Schlag in den Magen, und dann bist du mit deinem eigenen Nachgrübeln allein. Wie bei einem Haiku. Eine große Show wie "Versailles" kann mitreißend und dicht und episch sein und so viele Themen wie Storylines abdecken. Jedes Format hat seine Stärken und seine Schwächen. Kurzfilme können sehr spezifisch sein und dadurch dann eine mächtige Wirkung haben. Große, epische Serien haben den Luxus, sich mit der Zeit ausdehnen, das Ergründen genießen und verdeutlichen zu können, um schließlich zu etwas heranzuwachsen, was niemand erwarten konnte.

Das Video von den Kindern in Nepal, wie sie "Hello Versailles Family" sagen, und der Grundstein für die neue Schule, auf dem 'Versailles Family' geschrieben stand, werden für immer zu den bestgehüteten Schätzen dieser Fangemeinde gehören. Erzählst du ein wenig von dem Erlebnis vor Ort, eine Anekdote vielleicht?

Oh, ich wünschte, ihr hättet alle dabei sein können! Es war einfach wunderbar. Als wir zum ersten Mal in unserem Bus in das Dorf gefahren sind, sahen wir sie schon aus der Entfernung, sie trugen bunte traditionalle Gewänder und hatten ein strahlendes Lächeln im Gesicht, und unter einem selbstgemachten Torbogen aus Palmenblättern hing ein rotes Schild, auf dem stand 'welcome to you'. Sie haben gejubelt und wir haben gejubelt, sie sind auf uns zu getanzet, jemand hatte eine Trommel und sie haben gesungen. Einige Mädels unserer Gruppe weinten bereits. Die kleinsten Kinder drehten durch, sie hatten sowas noch nie erlebt und die Aufregung war überwältigend. Mir ging es genauso. Wie leicht sie sich kaputtlachen konnten, das beste Publikum, das ein Clown sich wünschen kann, mit angehaltenem Atem auf die nächste Entschuldigung wartend, sich über den einfachsten Gag auszuschütten. Kinder sind überall gleich. Sie wollen einfach beim Abenteuer dabei sein. Über die Zeit im Dorf habe ich Zeit mit jedem einzelnen von ihnen verbringen, jede muntere Persönlichkeit kennenlernen können, ihr Herz trugen sie alle ehrlich und mutig auf der Zunge. Diese Kleinen. Sie wussten, dass wir da waren, weil sie uns etwas bedeuten, wussten, dass sie Hilfe beim Bau einer besseren Schuleinrichtung bekamen, und sie waren bereit mit jeder Faser ihrer Begeisterung mitzumachen, wie sie nur konnten. Ich weiß nicht, ob sie wussten, welche Wirkung eine Verbesserung ihrer schulischen Ausbildung in ihrem Leben haben wird, aber ihrer Mütter wussten es. Und sie wiegten sich in ihren feierlichen Gewändern an diesem ersten Tag, sanfte Lächeln und Augen, die so viel gesehen haben. Ein beinahe unmerkliches Nicken, als eine ältere Frau meinen Blick hielt und sagte 'Ich sehe dich'. Ich nickte zurück und fühlte, wie mir die Tränen kamen. Ich sehe dich auch, Mama. Die Energie war ansteckend, gerade auch in der Hitze, als sie uns in allen Altersgruppen mit immer neuen Wellen von Tanz willkommen hießen und wir den ganzen Nachmittag mit ihnen tanzten (und schwitzten, eimerweise). Sie haben handgewebte Fächer ausgeteilt, mit denen wir uns abkühlen sollten, aber das war vergebene Liebesmüh. Das einzige Mal Abkühlung am Tag war eine Dusche mit einem Plastikbecher und einem Eimer unter einer Pumpe neben der Hütte jeder unserer Gastfamilien. Nur ein Becher auf einmal. So fühlt sich der Himmel an.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Evan!


"Versailles" Staffel 2 ab 1. Mai auf Sky On Demand, Sky Go und Sky Ticket


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