Interview mit Evan Williams zur Geschichte des Chevaliers in "Versailles" Staffel 2
"In der ersten Staffel war 'Versailles' wie eine glitzernde Discokugel, in der zweiten Staffel ist es düster und verrückt geworden, und jetzt in der dritten Staffel wird es erwachsen."
19. Juli 2017 von Nicole Oebel @philomina_
Übersetzt von Denise D.
Hier könnt ihr das Originalinterview nachlesen. | Read the original interview in English.
Beim Durchstreifen einiger kleinerer, gemütlicher und malerischer Straßen von Paris, um einen netten Platz für dieses Interview zu finden, kamen Evan Williams und ich ins Gespräch über die überwältigende Hingabe der Versailles-Familie, bezaubernde Orte, die er in letzter Zeit bereist hat, und Matcha-Kekse. Evan hat eine Begabung fürs Schreiben, er ist ein talentierter Künstler und ein inspirierender Aktivist, und nachdem ich ihn nun persönlich kennengelernt habe, kann ich nur sagen, das alles stammt daher, dass er sein Herz sprechen lässt. Also gönnt euch an diesem schönen Sommertag eine kühle Erfrischung und genießt die Lektüre dieses Interviews mit Soundclips.
Achtung: Das Interview enthält Spoiler zu "Versailles" Staffel 2, aber es gibt keine Spoiler zum Staffelfinale.
Ihr seid jetzt in Staffel 3, deine Darstellung erstreckt sich also über einen längeren Zeitraum. Findest du es schwierig, dich immer wieder auf die neuen Stile und Energien durch den Wechsel bei Regisseuren und im Cast einzustellen?
Ich denke, wenn man es erst einmal in die dritte Staffel einer Serie geschafft hat, hat der Cast seine eigene Dynamik gefunden. Ganz am Anfang einer Serie kann es sehr wichtig sein, was für eine Art Regisseur man hat, zum Beispiel kann man sehen, wie sehr sich die Serie in Staffel 1 zwischen den ersten paar Episoden und den nächsten verändert hat. Wenn man dann in der dritten Staffel einer Serie angelangt ist, hat der Cast seine eigene Dynamik. Also läuft es im besten Fall so ab, dass ein Regisseur hinzukommt, neue Ideen einbringt und einen frischen Blick auf etwas hat, das bereits aufgebaut wurde, und daher ist diese Herausforderung, ständig verschiedene Regisseure und unterschiedliche Anregungen zu haben, im Laufe der Serie geringer geworden. Natürlich hat jeder Regisseur seinen eigenen visuellen Stil, aber es ist mehr so, als würden sie zu uns dazukommen, als dass wir uns auf sie einstellen müssen. Es fühlt sich so wie ein Team an. Und tatsächlich freuen wir uns alle auf die neuen und frischen Gedanken, die sie und auch der neue Cast einbringen. Das Casting bei dieser Serie war auf ganzer Linie super, also sind wir immer alle sehr gespannt darauf, wer neu hinzukommt.
Ist es manchmal schwer, dass die Zuschauer oft wollen, dass Dinge so bleiben wie sie sind, weil sie sich in die Charaktere verliebt haben, wie sie in Staffel 1 waren, während ihr als Schauspieler aber neue Herausforderungen sucht?
Absolut! Das sieht man immer wieder in der Musik. Die Musiker loten Grenzen aus und die Leute sagen "Warum macht ihr nicht einfach, worin ihr gut wart?", aber so funktioniert Kreativität nunmal nicht. Es schmeichelt mir, dass die Leute eine Verbindung zu den Charakteren fühlen, die wir erschaffen haben, aber letzten Endes haben wir die Verantwortung, weiterzumachen und weiter und tiefer in die Geschichten einzutauchen, und da gibt es ein gewisses Maß an Experimentieren und Entdecken. Ich bin mir sicher, dass die Autoren, als sie damals angefangen haben, noch nicht wussten, wo wir mal enden werden - ich als Schauspieler habe das auf jeden Fall nicht gewusst. Das ist etwas, das wir im Laufe der Zeit zusammen mit den Zuschauern entdecken. Wenn die Leute sich wünschen, dass alles gleich bleibt, wären sie nach einiger Zeit enttäuscht, weil es zu statisch wäre. Und besonders als Künstler möchte man die Sachen angehen, die einen aufwühlen, alles aus dem Gleichgewicht bringen. Kurz gesagt, wenn es anfängt sich zu wiederholen, ist es Zeit weiterzugehen. Wir versuchen, Menschen darzustellen und Menschen wachsen und verändern sich.
Ich habe gehört, wie die Leute sagen "Der Chevalier würde dies oder das nicht tun." Aber in dem Universum, das wir erschaffen, tut er es. Es gibt einen Unterschied zwischen den sogenannten historischen Berichten – die eh keine wahren Berichte sind, es sind gekürzte Berichte – und dann ist da die Version, die wir erzählen. Ich behaupte nicht, dass unsere Serie Shakespeare ist, aber es gibt ein paar Shakespeare-Dramen, die sich mit historischen Themen beschäftigen und wenn jemand zu der Zeit gesagt hätte "Hey, so ist das gar nicht wirklich abgelaufen", dann hätten wir diese Geschichten nie gehabt. Wir versuchen, die menschliche Natur aus der Sicht von Versailles zu erkunden und es ist immer ein Balanceakt, die Dinge zu finden, die einen bewegen und den Raum zu finden, in dem sie sich bewegen können.
Ich respektiere die Meinung derjenigen, die sich wünschen, dass es so oder so läuft. Aber ich denke, damit ich meinen Job machen kann, ist es für mich als Künstler am besten, wenn ich mir überhaupt keine Sorgen darüber mache, wie es aufgenommen wird und einfach mit meinem Herzen drangehe und so viel riskiere, wie ich kann. Es gibt da einige Entscheidungen in Staffel 2 und auf jeden Fall Staffel 3, bei denen ich mir im Hinterkopf gedacht habe "Was werden die Leute wohl denken?", aber das ist nicht im Sinne der Kunst. Entscheidungen so zu treffen, dass sie angenehm sind, macht letzten Endes das Produkt weniger angenehm. Es ist mein Job, die vor mir liegende Geschichte, so ehrlich zu spielen wie ich nur kann.
Die Serie will ja auch unberechenbar bleiben.
Genau, wir wollen gar nicht vorher wissen, was geschieht. Es ist so ein völlig subjektives Format und jeder interpretiert es auf seine eigene Weise.
Seine Drogenabhängigkeit macht den Chevalier seelisch instabil. Jemand hat vor Kurzem zu mir gesagt "Du kannst nur dir selbst helfen, niemand kann dir helfen, aber du kannst inspiriert werden"...
Das finde ich gut!
Denkst du, dass Liselottes Mitgefühl ihm gegenüber das ist, was ihn inspiriert?
Abgesehen davon, dass Jess eine wunderbare Schauspielerin ist, ist La Palatine so ein interessanter Charakter, weil sie eben so wenig dazugehört wie der Chevalier, nur eben am anderen Ende des Spektrums. La Palatine ist aus einer völlig anderen Welt und der Chevalier und sie finden über ihre Außenseiterrolle zusammen. Ich denke, für den Chevalier ist es eine große Erleichterung, dass er vielleicht nicht völlig alleine ist, denn das ist das Schreckgespenst, das ihn in jedem wachen Moment verfolgt. In gewisser Weise herrscht in seiner Beziehung mit Philippe immer Streitsucht, da das Verlangen nach Liebe in ein Verlangen nach Drama umschlägt, denn so hat man zumindest irgendwas. Ich hatte solche Beziehungen und keiner kann das sagen, was man wirklich sagen will, weil man einfach nicht die Möglichkeit dazu hat. Liselotte ist das Anti-Drama, sie ist das Gegengift sowohl für Philippe als auch für den Chevalier.
Ich finde, dass die beiden das Potential dazu haben, gute Freunde zu werden, wenn der Chevalier jemals über seinen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplex hinweg kommt, der ihn glauben lässt, jeder stelle eine Gefahr dar. Wenn er nicht daran glaubt, dass ihm irgendjemand sein Herz öffnen kann, verbringt er seine ganze Zeit damit, Wege zu finden, wie er die Leute an sich binden kann. Es ist traurig, dass sich so viele Menschen auf dieser Welt genauso fühlen wie dieser Kerl. Das gebrochene Herz zu erkunden, das nicht daran glaubt Liebe zu verdienen, ist glaube ich, meine Aufgabe in dieser Rolle. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht melodramatisch, denn trotz all des Witzes in manchen Szenen ist mir dies ernst. Es ist etwas, das ich gerne aufdecken möchte, weil ich finde, dass es eine Krankheit ist.
Du hast gerade das "Nicht Dazugehören" erwähnt, was ein bisschen in den Bereich LGBT-Klischees übergeht. In der ersten Staffel hat sich die Serie große Mühe gegeben, Philippe und den Chevalier nicht als stereotypische Schwule zu zeigen, aber ich denke, jetzt sehen wir, dass die Serie nichts zurückhält, immerhin sind sie ja vor allen Dingen einfach nur Menschen.
Ganz genau. Mit diesem neuen Handlungsstrang hatte ich die Wahl, entweder halbherzig auf Nummer sicher zu gehen, oder die andere Richtung einzuschlagen und alles zu riskieren. Und so bin ich ausgebildet worden: immer alles auf eine Karte zu setzen. Also freue ich mich sehr, wenn ich Nachrichten von Leuten aus der LGBT-Community sehe, die sagen, dass sie sich repräsentiert gefühlt haben. Es wird immer ein gewisses Maß an Wiedererkennung geben, manche würden es Klischees nennen, aber ich denke, dass wir so eben Geschichten erzählen, durch Archetypen und Symbole. Aber gerade in der zweiten Staffel ist es für mich sehr interessant, mit der Dynamik von Männlichkeit und Weiblichkeit zu spielen, je nachdem, ob der Charakter aufgestiegen oder gefallen ist, gewonnen oder verloren hat, je nachdem, welche Teile ihrer zersplitterten Persönlichkeit hervorkommen, weil wir alle komplex sind.
Was ist für dich der beste Weg, um mit deiner Verletzlichkeit in Berührung zu kommen?
Als Erstes muss man durchatmen und sich entspannen. Wir Menschen schleppen so viel emotionale Spannung mit uns herum, weil wir darauf getrimmt sind, uns auf der Straße zu schützen, weil es notwendig ist. Als Schauspieler haben wir die dankenswerte Möglichkeit komplett schutzlos zu sein. Es ist schwer, sein Ego dazu zu bringen, das zuzulassen, aber für mich geht das immer am einfachsten, wenn ich mich entspanne. Unser Körper war ja auch überall dort, wo unsere Erfahrungen gemacht haben. Jede Beziehung, jeder Gedanke, jedes Erlebnis ist in unserem Körper eingespeichert. Wenn ich Schauspielern zusehe, die ich toll finde: Sie lassen ihren Körper sprechen, ohne sich vom Kopf einschränken. Ich überlege also, wie ich persönlich eh bereits mit einem gegebenen Moment oder einer Situation verbunden bin, anstatt zu versuchen, sie persönlich zu machen. Es ist eh persönlich, weil es hier um Menschen sprechen, und wir sind Menschen. Das ist meine Philosophie. Ich habe das Rätsel sicher noch nicht gelöst, das ist eine Aufgabe fürs Leben, aber das ist die Richtung, in die ich gehe.
Du hast über deine Zusammenarbeit mit Alex gesagt, dass ihr euch nichts schenkt. Ich habe mich gefragt, was du damit meinst?
Jeder hat in seinem Leben eine Vielzahl an Fassaden aus den verschiedensten Gründen. Manche sind notwendig, manche Gewohnheit. Alex und ich sind einander so ähnlich, dass wir durch die Fassade des anderen hindurch blicken, und das vom ersten Tag an. Wir sagen einander ständig "Ich sehe dich! Ich sehe, was du machst. Du täuschst mich nicht." Wir nehmen diese Klarheit und stecken sie in die Arbeit, und wenn wir uns dann anschauen, dann erkennen wir einander, weil wir gleich sind. Wir sind gegensätzliche Varianten der gleichen Person [lacht]. Ich verehre Alex in jeder Staffel, die wir zusammenarbeiten, mehr und mehr. Jedes Mal, wenn wir uns wiedersehen, umarme ich ihn ein bisschen fester. Es ist ein Geschenk, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der dich wirklich sieht und kein Problem damit hat, dass du ihn wirklich siehst. Ich werde traurig sein, wenn es vorbei ist.
Was an dieser Serie cool ist, ist, dass sie seit der Premiere um die Welt gereist ist. Jedes Mal, wenn sie einen neuen Markt erobert, gibt es wieder eine neue Welle des Interesses. Ich liebe es auch, mit den Fans der Serie in Kontakt zu sein und die Art der Beziehung zu sehen, die sie zum Chevalier haben. Ich weiß, dabei geht es nicht wirklich um mich, ich stelle die Figur zwar dar, aber es ist ihre Beziehung zu dem, was sie in der Figur sehen und erkennen, es ist in gewisser Weise eine persönliche Metapher für ihr eigenes Realitätsverständnis. Das gefällt mir immer an diesem Job. Besonders, wenn ich solche Sachen wie "Ask Chevalier" auf Twitter machen kann, was immer ein Riesenspaß ist. Wenn man im Auge der Öffentlichkeit steht, muss man in jeder Hinsicht immer verantwortungsvoll mit seinem Auftreten in den sozialen Medien sein, also ist die Möglichkeit echt selten, einfach mal nur kreativ zu sein, den Charakter sprechen zu lassen und mich dabei nicht zensieren zu müssen.
Ist das ein unzensierter Teil von dir?
In gewisser Weise. Es ist, als würde ich die 5% Chevalier in mir nehmen und sie auf 100% hochschrauben. Hier wird die Vorstellungskraft vom Unterbewusstsein gefördert und blüht auf. Es ist besser so. Wir reißen uns ein Bein aus, um sicherzugehen, dass niemand sieht, was wir im echten Leben verbergen, weil wir sicher sind, dass wir dann alleine da stünden. Aus diesen Dingen, den schmutzigen Geheimnissen, entstehen Charaktere, die einen bewegen, weil unsere schmutzigen Geheimnisse alle die gleichen sind. Wir alle haben die gleichen Hoffnungen und Träume und Perversionen. Wir sind Menschen.
Es gibt so viele Charaktere und so viele Geschichten in gerade mal zehn Stunden Laufzeit. Ich wünsche mir manchmal, dass die Hauptcharaktere ein bisschen mehr Screentime bekommen würden.
Teil der DNA der Serie ist, dass sie rasend schnell ist und es so viele verschiedene Handlungsstränge gibt. Die Serie heißt "Versailles" - nicht "Louis und seine Freunde". Ich denke, so wird die Serie wohl oder übel immer ablaufen, es gibt mehr, als man jemals entdecken könnte. Wenn das gut klappt, ist es sehr interessant, wenn es nicht gut klappt, ist es eine Herausforderung. Wir wollen das Leben am Hof zeigen, natürlich ohne dass es verwirrend wird. Uns Schauspielern geht es natürlich genauso, wir alle wollen mehr Zeit, um in die Herzen und Köpfe der Charaktere einzunisten. So bildet sich eine interessante Spannung, weil es die Art und Weise widerspiegelt, in der die Leute zu dieser Zeit um Ansehen gezankt und gekämpft haben. In gewisser Weise spiegelt sich das also in der Art wider, wie die Geschichte erzählt wird.
Es war sehr interessant, wie die Serie dieses Jahr das Nebeneinander von Dekadenz und Schmutz und Verfall gezeigt ist. Zum Beispiel mit Chevys Geschlechtskrankheit oder Isabelles Unfall-Drogentod.
Das ist eine der Merkwürdigkeiten dieser Ära, dass sich die Menschen in den Fluren erleichtert haben, während sie gleichzeitig die prächtigsten Kleider getragen haben, die die Welt je gesehen hat. Mit diesem Widerspruch zu spielen macht sowohl den Schauspielern als auch den Autoren viel Spaß, denn es gibt gewisse Parallelen zu unserer jetzigen Welt, in der einer in sein 600 Dollar Handy spricht, während er an jemandem vorbeigeht, der kein Abendessen hat. Ich finde, es gibt da eine deutliche gesellschaftliche Resonanz, während es gleichzeitig Spaß in die Serie bringt. Der Handlungsstrang von Isabelle hat insofern Spaß gemacht zu drehen, als dass es eine Art Enthüllungsgeschichte war, aber niemand war wirklich schuld zu sein schien. In Wahrheit waren sie alle schuld daran. Ich denke, dass die Autoren mit diesem Handlungsstrang darauf hinauswollten, dass Menschen, die verletzt wurden, ihrerseits anderen Menschen weh tun – deshalb sind sie aber noch keine schlechten Menschen. Ob nun der Chevalier, Philippe, die Königin oder Montespan - sie haben alle getan, was sie dachten, dass sie tun müssten, und als das dann in einer Tragödie geendet hat, gab es niemanden, der die Konsequenzen getragen hat. Was soll man tun? Und ich denke, das ist eine sehr wichtige Frage, die man sich selbst gerade jetzt stellen sollte.
Ich denke, der Chevalier fühlt sich schuldig. Er ist ein komplexer Mann, aber er ist nicht böse. Manchmal lässt er die Leute vielleicht glauben, er sei böse, um Strafbarkeit zu vermeiden. Ich glaube, das trug definitiv zu seinem rasanten Abstieg danach bei. Er ist halt einer dieser verzweifelten Typen, bei denen man nicht anders kann, als sie zu lieben, während man gleichzeitig den Kopf schüttelt und sagt "Was zum Teufel tust du da?"
Und die Folge hatte bis zu diesem Moment so viel Spaß gemacht!
Auch der Dreh hat Spaß gemacht. Es hat den Großteil des Tages und der Nacht eingenommen, diese große Orgienszene zu drehen. Ich war gespannt darauf, sie zu drehen und auch froh, das Ergebnis zu sehen. Ich finde, es ist geschmackvoll geworden, wenn man das Thema bedenkt. Es ist ein Teil von Versailles, den wir nicht oft genug zu sehen bekommen und der einfach nur eine andere Seite der menschlichen Natur zeigt. Es gibt Dinge, die Menschen tun, wenn sie gesehen werden wollen; Dinge, die Menschen tun, wenn sie nicht gesehen werden wollen, und dann gibt es Dinge, die sie tun, wenn es ihnen egal ist, ob sie gesehen werden. Und ich denke, darum ging es bei dieser Sequenz. Der animalische Teil des Menschseins.
George hat mal erzählt, dass der historische Berater am Set sagt, dass die Leute sogar noch farbenfroher waren und man sich nicht zurückhalten solle.
Ganz genau, ja. Es ist unsere Aufgabe, all die verschiedenen Dinge zu erkunden, die in Versailles passiert sind. Auch wenn es historisch gesehen zum Beispiel nicht der Chevalier war, der Drogen verkauft hat, so gab es doch auf jeden Fall irgendjemanden, der Drogen verkauft hat. Das ist Teil der Kreativität der Fiktion, dass man alles miteinander verknüpft, damit wir diese Dinge durch die Augen der Charaktere sehen können, die wir haben.
Und die Serie war ziemlich mutig dieses Jahr, zwei der beliebtesten Charaktere umzubringen. Jacques und Claudine waren keine sehr großen Rollen, aber beide Tode waren ein sehr großer Schock.
Als wir die Drehbücher gelesen haben, kam von uns allen ein [unterdrücktes Schreien] "Neeeiiin!" Wir waren alle traurig! Aber wir dürfen mit unserer Kreativität nicht geizig sein und sie haben es nicht leichtfertig getan. Beide dieser Tode haben den Rest der Charaktere vorangetrieben. So ist es ein Verlust, aber auch ein Gewinn.
Hattest du Szenen, bei denen du dir gedacht hast "Oh Gott, das darf nicht passieren", die sich letztlich aber echt gelohnt haben?
Klar! In der ersten Staffel, als der Chevalier im Gefängnis auf seine Hinrichtung wartet und anhören muss, wie der Typ draußen gefoltert wird – wir haben das gleich als erstes am Morgen gedreht und es war bitterkalt. Wir waren in einem wunderschönen Schloss in Lesigny und ich war auf dem Boden dieses Schlosskellers, und es war eiskalt. Zwischen den Aufnahmen kamen sie mit einer Decke zu mir und ich habe nein gesagt. Es ist besser, wenn ich nicht schauspielern muss, warum sollte ich nur so tun als ob? Also bin ich die ganzen zwei Stunden, die wir diese Szene gedreht haben, barfuß da auf den Knien geblieben und an einem Punkt hat einer gesagt "Bist du verrückt?" und es hat mir das größte Vergnügen bereitet, ja zu sagen. Es ist ein Privileg, in der Lage zu sein, diese Geschichte so tiefgründig zu erzählen, wie ich nur kann, und mich währenddessen auszuprobieren.
Zwischen dem Dreh von Staffel 2 und 3 ist die Serie in Großbritannien und den USA ausgestrahlt worden und das Fandom ist gewachsen... Hat das Einfluss auf die Stimmung am Set oder irgendwas in der Art?
Die Serie wurde inzwischen von Millionen an Augenpaaren gesehen, das ist einem im Alltag schon bewusst, aber sobald wir am Set sind, finde ich, dass man gar nicht dran denkt. Wir konzentrieren uns darauf, was im Raum passiert. Es fühlt sich nicht so an, als hätte sich irgendwas verändert, vor allem nachdem wir alle unsere Charaktere inzwischen lieben. Also ist das alles sehr angenehm. Dieser Cast kommt, wie ihr wisst, so gut miteinander aus, wie man es nur selten erlebt. Dieser Cast ist eine so enge Gruppe, solch ein Team, dass man mit Freude zur Arbeit geht. Wir sind uns inzwischen auch im Klaren, dass die Serie nicht für jeden alles bedeutet. Einige schauen rein, weil sie Kitsch mögen, sie wollen Rüschen, Perücken und hübsche Schlösser sehen, und andere werden von der Geschichte wirklich berührt. In der ersten Staffel haben wir uns alle gefragt, wie die Serie wohl werden wird und jetzt finde ich, wissen wir, was sie ist. Und uns gefällt, was sie ist. Natürlich wollen wir sie immer besser machen, tiefgründiger, unterhaltsamer, einschneidender, aber wir haben uns mehr eingelebt. Ich denke, dass es – gerade als junger Cast – gut für den kreativen Prozess ist, diese Entwicklung zu spüren und alles zu tun, was wir können, um sie voranzutreiben, anstatt an den Nägeln zu kauen und uns zu fragen, was wir da eigentlich machen.
Es hat so viel Spaß gemacht, der Serie beim Wachsen zuzusehen. In Staffel 1 war sie so etwas wie eine glitzernde Discokugel, in Staffel 2 wurde sie düster und verrückt, und jetzt in Staffel 3 wird sie erwachsen. Das ist mein Eindruck, es ist ein schöner, kompletter Kreis, weil die Serie jetzt drei Jahre alt ist und wir tiefer in die Herzen und Köpfe dieser Charaktere eindringen müssen.
Einige von uns konnten George und Alex vor einiger Zeit auf der Bühne sehen. Du hast früher Theater gespielt, oder? Vermisst du es und würdest du in Zukunft etwas machen wollen?
Theater vor einem Livepublikum kann magisch sein! Es gibt einen Grund dafür, dass es schon seit tausenden von Jahren besteht. Werde ich irgendwelche Theaterstücke spielen? Das würde ich schrecklich gern! Ich habe im Winter an einem Theaterworkshop in Los Angeles teilgenommen und es gibt Gespräche darüber, ob man das Stück auf die Bühne bringen soll. Es ist ein Stück namens "In a Dark Dark House" von Neil LaBute, aber bis jetzt gibt es noch keine konkreten Pläne. Es hat die gleiche Priorität für mich wie Film und Fernsehen, es geht eher darum, die richtigen Projekte zu finden. Ich wusste eine Woche vor dem Vorsprechen nicht mal, dass "Versailles" überhaupt existiert, wie hätte ich also ahnen können, dass es da so eine Traumrolle für mich geben würde.
Um nochmal auf die Schauspieler-Fan-Beziehung zurückzukommen. Durch dich ist die Beziehung eine, die tatsächlich Menschen zu einem besseren Leben verhilft. Kann das überwältigend sein, wenn man sich dann persönlich kennenlernt, oder bist du schon irgendwie daran gewöhnt, überwältigt zu sein, weil du die Menschen getroffen hast, denen zu einem besseren Leben verholfen wurde?
Es ist für mich nicht überwältigend, weil ich mir Mühe gebe, es auf etwas zu konzentrieren, das real ist. Ich freue mich, wenn Leute von meiner Arbeit bewegt sind, das ist aufregend, das ist pure Freude. Ich will die Welt mit meinem Herzen verändern. Ich denke, das ist die Berufung, die alle kreativen Menschen teilen und falls jemand davon bewegt ist, dann können sie mitmachen. Und wenn das die Kultur ist, die sich rund um diese Fangemeinde entwickelt, dann bin ich begeistert. Es gibt keinen anderen Grund, Geschichten zu erzählen. [lacht leise] Ich bin heute emotional. Ich war begeistert und überrascht von Feedback, Enthusiasmus und dem Herz, mit dem die Fangemeinde auf die Projekte reagiert hat. Ich weiß auch, dass es kein Zufall ist, dass Leute von einer Form der Kreativität bewegt sind und dann an einem echten Projekt teilnehmen, das etwas in der Welt verändern will. Diese zwei Sachen sind eng miteinander verbunden. Ich glaube, welcher Wert auch immer in meiner Arbeit gefunden werden kann, er ist direkt mit der Menge an Herz verbunden, die ich in die Sache hineinstecke. Ich glaube nicht, dass man gleichgültig durchs Leben gehen kann und dann einen Raum betritt und sein Herz als kreatives Individuum öffnet. Auf eine Art und Weise zu leben (oder es anzustreben, so zu leben), die sich dessen bewusst ist, was einem wirklich wichtig ist, ist sowohl für mein Leben, als auch für meine Arbeit förderlich. Ich weiß, dass es für die Zuschauer genauso ist. Und um das klar zu stellen – ich bin lerne noch und mache dabei einen Haufen Fehler, ich kann nur nicht anders, als zu erkennen, dass Liebe Macht besitzt. Und ich bin begeistert, dass sich hier etwas zu bewegen scheint. Es ist eine Bewegung. Wir sind ein kleiner Teil davon, aber die Bewegung nimmt weltweit Fahrt auf.
Und die sozialen Medien haben einiges davon möglich gemacht.
Das ist die gute Seite von sozialen Medien. Es ist so einfach, sich in den sozialen Medien zu isolieren, indem man nur die guten Sachen zeigt. Es ist genial, die Möglichkeit zu haben, mit Leuten in Verbindung zu treten und sich über gemeinsame Ziele auszutauschen. Das Leben ist von Gegensätzen geprägt. Unsere größten Träume hängen nah mit unseren größten Ängsten zusammen. Es ist einfach nur eine Frage der Perspektive und wir haben die Möglichkeit, uns gegenseitig daran zu erinnern, uns umzudrehen und die andere Seite anzusehen.
Ich interessiere mich dafür, meine Weltsicht zu teilen, weil das die Möglichkeit für Leute ist, sich darin wieder zu erkennen und ich denke, das ist das Hauptziel jeder Form von kreativer Kunst – ein Fenster zu erschaffen, eine Sicht auf die Welt, durch die andere Leute hindurch schauen können. Es ist ein Fenster und ein Spiegel und es ist die Chance für jeden, sich in allen anderen zu sehen. Wenn ich jemals damit anfange, zu denken, dass es dabei um mich persönlich geht, dann bin ich auf dem falschen Weg. Es geht um so viel mehr.
Vielen Dank für dieses tolle Gespräch, Evan!
Es war eine echte Freude mit dir heute hier zu sein!
Die zweite Staffel von "Versailles" bei Amazon vorbestellen.
Another beautiful interview from @my_Fanbase! I love this show, and I love playing this character. Love is the common denominator. As usual🔥 https://t.co/QJUbhQXuay
— Evan Williams (@evan_m_williams) June 19, 2017
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