Bewertung
Thaddeus O'Sullivan

Into the Storm

A relentless leader is the greatest weapon of war.

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Inhalt

Der Zweite Weltkrieg endete kürzlich in Europa und die Bevölkerung des Vereinigten Königreichs wartet auf die Ergebnisse der landesweiten Wahl von 1945. Während dieser Zeit macht Premierminister Winston Churchill (Brendan Gleeson) gemeinsam mit seiner Frau Clementine (Janet McTeer) Urlaub in Frankreich. Durch eine Reihe von Rückblicken erinnert sich Churchill an seine glorreichsten Momente während des Krieges sowie deren Auswirkung auf die sich zunehmend verschlechternde Beziehung zu seiner Frau.

Kritik

Winston Churchill ist zweifellos eine der faszinierendsten Politpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Während der zweimalige Premierminister, der zudem den Nobelpreis für Literatur gewann, aufgrund seiner kindsköpfigen und wechselhaften Art sein Umfeld in regelmäßigen Abständen in den Wahnsinn trieb, sind sich Historiker und Staatsmänner gleichermaßen über seine Verdienste für ein friedliches und vereintes Europa (Churchill half, die Europäische Union und die UNO mitzubegründen) und für den Sieg über Hitlerdeutschland einig. Bis heute wird vielmehr Churchill als Roosevelt oder Stalin als der eigentliche Gegenspieler Hitlers angesehen. Churchill war einer der Ersten, der die Gefahr erkannte, die von Hitler ausging, und der die Briten in der scheinbar aussichtslosen Lage des Sommers 1940 davon überzeugte, den Krieg noch nicht verloren zu geben und dadurch ihren Durchhaltewillen stärkte. Damit war die Grundlage gelegt für die Anti-Hitler-Koalition mit den USA und der UdSSR.

Insbesondere während seiner aktiven Zeit jedoch war Churchill alles andere als unumstritten, vertrat er doch reaktionäre und imperialistische Sichtweisen und verband diese oft mit für seine Politgenossen unvereinbaren sozialen und liberalen Standpunkten. Geradezu legendär ist der demonstrative Übertritt von der Tory-Partei (Konservative) zu den Whigs (Liberale), den er Jahre später rückgängig machte. Zahlreiche Entscheidungen Churchills sind auch heute noch sehr kritikabel, wie unter anderem der britische Luftkrieg auf deutsche Städte und die Zivilbevölkerung, ebenso war er charakterlich alles andere als einfach im Umgang und stieß oft einem nach dem anderen vor den Kopf. Dem irischen Schauspieler Brendan Gleeson kam daher die undankbare Aufgabe zu, einen derart ambivalenten Charakter zu spielen, der nebenher in Irland übrigens auch ein weitaus geringeres Ansehen genießt als im Rest der Welt, da er oft für die Trennung Irlands verantwortlich gemacht wird. Gleeson, 2010 für seinen zweiten Golden Globe hintereinander nominiert nach seiner Rolle in "Brügge sehen… und sterben?", ist es jedoch gelungen, nicht nur die Sprechweise und Körperhaltung des britischen Idols perfekt zu kopieren, sondern auch Churchills Wesen so umfangreich wie dies die geringe Laufzeit von nur 100 Minuten zulässt, zu repräsentieren. Es ist alles andere als verwunderlich, dass Gleeson dafür 2009 bereits mit einem Emmy ausgezeichnet wurde und ihm schon allein deswegen auch beste Chancen auf einen Golden Globe nachgesagt werden.

Zu Gleeson gesellt sich Janet McTeer, die bereits 2000 mit einer Oscarnominierung für ihre Rolle in der Tragikkomödie "Tumbleweeds" belohnt wurde und seitdem vor allem in britischen TV-Serien zu bewundern war. Eigentlich schade, dass es die Globes den Emmy Awards diesmal nicht nachgemacht haben, sonst wäre McTeer für ihre Rolle als gleichwohl tapfere und liebevolle Ehefrau Churchills bei der Verleihung am 17. Januar 2010 mit auf der Nominierungsliste gestanden. Doch auch ohne diese Nennung wird offensichtlich, dass es eine ganz besondere Leistung ist, nicht nur neben einer derart faszinierenden Persönlichkeit nicht komplett unterzugehen, sondern zudem den dominierenden kriegerischen Aspekt des Films immer wieder in ein menschliches Portrait zu transformieren und auch der persönlichen Beziehung zwischen Clementine, die von Winston immer nur "Clemmie" genannt wurde, und ihrem Ehemann genug Platz einzuräumen. Alle anderen Charaktere des Films verkommen leider zu Randerscheinungen, die nicht einmal ansatzweise genug ausstaffiert wurden und so jegliches Profil vermissen lassen, was aber nicht verwunderlich ist bei dem Fokus des Films und dessen Laufzeit.

In der Fortsetzung des TV-Filmes "The Gathering Storm" aus dem Jahr 2002, das das Leben Churchills vor dem Krieg portraitierte, konzentriert sich "Into The Storm" praktisch ausnahmslos auf dessen Rolle während des Krieges. Weswegen dabei der Weg gegangen wird, immer wieder zwischen den Zeiten umher zu springen, ist unklar, insbesondere weil hier eine stringentere Herangehensweise mit Sicherheit mehr Wirkung hätte entfalten können. Dennoch sind die Zeitsprünge nie verwirrend, man fragt sich nur, weswegen sie überhaupt da sind. Auch wenn die Geschehnisse chronologisch erzählt werden, ist das Auslassen gewisser Aspekte aus offensichtlichen Gründen unvermeidlich. Hätte man aus "Into The Storm" eine Mini-Serie gemacht, wäre da deutlich mehr Platz gewesen, um sich auf mehr zu konzentrieren als auf die großen Momente Churchills. Es liegt in der Natur der Sache, dass das bei einem Spielfilm, der gut und gerne hätte doppelt so lang sein können, nicht geschehen kann.

An der Inszenierung durch Thaddeus O'Sullivan gibt es nichts auszusetzen, jeder einzelne Moment wurde tadellos eingefangen. Dass dabei, typisch für Biopics von Staatsmännern, manchmal auch entsprechend viel Pathos mitspielt, stört unter Umständen manchmal, gibt aber die Realität wieder. Die Kulissen vermitteln einen wunderbaren Einblick in das England der 40er Jahre und auch die musikalische Untermalung kann sich hören lassen. Wenn der Soundtrack teilweise derart unaufdringlich ist, dass man ihn kaum bemerkt, sich aber dennoch davon beeinflusst fühlt, dann hat man alles richtig gemacht. Der Emmy für den Soundtrack war dementsprechend mehr als verdient.

Fazit

100 Minuten Laufzeit waren schlichtweg zu wenig für "Into The Storm". Mehr Möglichkeiten, Churchill auch in vermeintlich weniger glamourösen Momenten darzustellen oder vor allem die Nebencharaktere interessanter zu gestalten, hätten dem Film sichtlich gut getan. Wahrscheinlich wäre es sinnvoller gewesen, sich für das Medium Mini-Serie zu entscheiden. HBO hat bereits mit "John Adams", der Mini-Serie über den zweiten Präsidenten der USA, bewiesen, wie historisch korrekt und dramaturgisch ansprechend das sein kann. So bleibt die eindringliche Darstellung eines großen Staatmannes, der das 20. Jahrhundert wie kaum jemand anderes geprägt hat, das sich ansonsten keinerlei handwerkliche Fehler erlaubt.

Andreas K. - myFanbase
16.01.2010

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