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Grinderman

Grinderman

Auch wenn hier vier Bad Seeds am Werke waren (in ansteigender Reihenfolge ihrer Gesichtsbehaarung: Martin Casey, Nick Cave, John Sclavunos und Warren Ellis), heißt es noch lange nicht, dass auch die Bad Seeds drinstecken – an klavier- und gefühlsbetonte Stücke braucht man nicht einmal zu denken; vielmehr drängt sich hier unwillkürlich der Gedanke an Caves erste Band "The Birthday Party" auf: Damals drehte sich alles um Alkohol, Drogen, Schlägereien (mit Publikum, mit Bandkollegen) und nervenzerfetzenden Rock'n'Roll (möglichst laut, möglichst aggressiv).

Diesen alten Lastern gibt sich Cave zwar nicht mehr hin – jedoch traut man sie ihm beim Hören der neuen Songs ohne weiteres zu. Schon bei "Get It On" wird klar, dass man es mit einem ganz anderen Cave zu tun hat: Hier flucht und poltert ein wütender Mann los, um sich kurz darauf in einer banalen, aber umso wirkungsvolleren Melodie zu verstricken, die erbarmungslos an unseren Gehörgängen sägt und selbst seinen Sänger zum Straucheln bringt.

Mit der Säge in der erhobenen Hand geht es weiter zum "No Pussy Blues": Aus der Sicht eines alten, frustrierten, vom Leben und von Mädchen abgewiesenen Mannes wird noch einmal so richtig gepöbelt, die Welt verflucht und seine Bewohner verstört. Und siehe da, so einfach geht es wirklich: Man nehme Nicks mehr als unter die Haut gehende Stimme, setze sie mittels irrem Sprechgesang zur allgemeinen Verstörung ein, schiebe heftigen Gitarrenkrach (es lebe die Rückkoppelung!) nach – und fertig ist genau der harte Sound, der diversen halbgaren Metal produzierenden Bands inklusive lächerlicher Maskerade oder angeschmierten Gesichtern immer wieder misslingt.

Cave und Co gelingt es ohne Probleme, eine atmosphärisch unglaublich rohe Musik zu schaffen – auch wenn bei den weiteren Stücken einen Gang zurückgeschaltet wird, so ist diese Rohheit allgegenwärtig und hängt ebenso wie die Säge in der Ecke – immer griffbereit. Bei dem Song "Grinderman" beispielsweise sieht man sich in einem dunklen Wald von einer noch dunkleren Gestalt verfolgt, dreht sich panisch alle paar Meter um, mit der Erwartung, dass einen sein dumpfes Gefühl nicht trügt, und der Typ da tatsächlich eine Axt in der Hand hält – oder war es doch wieder die Säge?!

Wie dem auch sei, solch horrormäßige Gedanken trieben die vier Männer sicher nicht zusammen ins Studio: Ihnen ging es vor allem um die Spontanität, die bei den Bad Seeds zu oft flöten geht – das stundenlange Drauflosspielen (Cave wagte sich tatsächlich an die Gitarre) und Improvisieren von Texten waren vorrangig, weder Regeln noch Grundmuster waren von Bedeutung.

Einzig und allein "Man In The Moon" kommt am ehesten der Arbeit der Seeds nahe, es ist mit Abstand die ruhigste Nummer der Platte. Ansonsten bleibt man weiterhin auf der rockigen Spur: Und nicht nur Nick Cave hat hörbar Freude daran, mal so richtig die Sau rauszulassen – nach der Konfrontation mit soviel kompromisslosem Lärm fühlt sich auch der Zuhörer seltsam befreit. Und legt die Platte gleich noch einmal auf – zum einen, weil sich damit nebenbei auch wunderbar Eltern und mehr oder weniger alle Nachbarn verschrecken lassen, und zum anderen, weil man sich noch einmal vergewissern will, ob die neu gewonnene Erkenntnis tatsächlich wahr ist: Diesem Mann ist alles zuzutrauen. Aber wussten wir das nicht schon, seit er Kylie Minogue auf dem Gewissen hat?!

Anspieltipps:

No Pussy Blues

Depth Charge Ethel

Go Tell The Women

Tracks

1.Get It On
2.No Pussy Blues
3.Electric Alice
4.Grinderman
5.Depth Charge Ethel
6.Go Tell The Women
7.(I Don’t Need You To) Set Me Free
8.Honey Bee (Let’s Fly To Mars)
9.Man In The Moon
10.When My Love Comes Down
11.Love Bomb

Stephanie Stummer - myFanbase
31.03.2007

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