Trying - Review Staffel 1 und 2

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Ich bin immer wieder überrascht, wenn ich eine Serie entdecke, die bisher am medialen Interesse größtenteils unbeachtet vorbeigegangen ist, die mich dann aber völlig in ihren Bann zieht und begeistert. Da fragt man sich, ob es nur mir so erging oder warum es nicht mehr Reviews und Artikel über diese Serie gibt. So ist es auch mit "Trying", einer britischen Dramedyserie von Apple TV+, die genau den richtigen Schmelzpunkt zwischen Humor und Emotionalität trifft. Bisher sind zwei Staffeln der Serie erschienen, aber eine dritte wird noch folgen.

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Foto: Rafe Spall & Esther Smith, Trying - Copyright: Apple TV+
Rafe Spall & Esther Smith, Trying
© Apple TV+

Im Fokus von "Trying" stehen Nikki (Esther Smith) und Jason (Rafe Spall), die zwar unverheiratet sind, aber ein gemeinsames Kind bekommen möchten. Da das auf natürlichem Wege bisher nicht geklappt hat, haben sie eine Runde künstlicher Befruchtungen hinter sich, die ihnen die Krankenkasse gezahlt hat. Als auch das nicht geklappt hat und eine weitere Runde nicht nur sehr kostspielig wäre, sondern auch wenig Aussicht auf Erfolg hätte, entscheiden sich die beiden, ihren Kinderwunsch aufzugeben. Doch insbesondere Nikki fällt diese Entscheidung sehr schwer, da sie bereits von einem Leben zu Dritt geträumt hat. Sie bittet Jason daher, die Adoption eines Kindes in Betracht zu ziehen und schnell sind sie sich einig, dass das nun ihr weiterer Weg sein soll.

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Die Serie beschäftigt sich also mit dem Thema Adoption, was für viele Paare, die sich dazu entscheiden, ein sehr schwieriger und emotionaler Weg sein kann. Schnell hätte hieraus also eine Dramaserie werden können, in der Nikki und Jason die Hochs und Tiefs dieses Prozesses durchleben. "Trying" nähert sich der Thematik jedoch sehr humorvoll, auch wenn eben genau diese Hochs und Tiefs und auch der bürokratische Wahnsinn, der mit diesem ganzen Prozess zusammen hängt, gezeigt werden. Dass man bei all dem so viel zu lachen hat, liegt vor allem an den beiden Hauptfiguren, die uns an ihren Sorgen und Ängsten, aber auch an völlig verrückten Ideen teilhaben lassen, und die vor allem immer zusammenhalten und sich selbst nicht zu ernst nehmen, außer wenn es wirklich drauf ankommt. Es ist beeindruckend, wie liebevoll dabei die Beziehung von Nikki und Jason inszeniert wird. Die beiden sprechen immer sehr offen miteinander, aber es gibt auch immer diese Spur Ironie oder die Tendenz, den jeweils anderen auf die Schippe zu nehmen. Man amüsiert sich darüber, wie sich Nikki in alle möglichen Szenarien hineinsteigert und Jason es nicht immer schafft, der nötige Ruhepol zu sein. Dabei ist ihr Verhalten aber niemals lächerlich und das eigene Lachen kommt wohl eher davon, dass man ihr Handeln und ihre Diskussionen so gut nachvollziehen kann. In meinen Augen wird ihre Beziehung durch und durch authentisch dargestellt. Sie verstehen sich blind, aber dennoch kommt es zu Missverständnissen. Sie gleichen einander aus, auch wenn das manchmal bedeutet, die Perspektive des anderen einzunehmen, um voranzukommen. Und wie gesagt, sie diskutieren offen miteinander und das teilweise in einem Tempo, dass es einem schwer fällt, Schritt zu halten. Aber das macht die beiden einfach so liebenswert.

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Während Nikki und Jason der Kern der Geschichte sind, so gibt es noch zahlreiche Nebenfiguren, die "Trying" ihr gewisses Etwas geben. Anfangs mag man so manche Figur auf den typisch britischen Humor schieben und als völlig überzeichnet abtun, doch mit der Zeit bekommen die meisten aus dem Freundes- und Familienkreis ihre Bedeutung für die Geschichte, genau wie im echten Leben. Man hat Freunde von früher, mit denen man vielleicht nicht immer einer Meinung ist, aber mit denen man über alles sprechen kann und die für einen da sind, wenn man sie braucht. Das Vorzeigepärchen mit den zwei Kindern, das scheinbar ein perfektes Leben führt, bis man bemerkt, dass es hinter der Fassade alles andere als gut für sie aussieht. Die Eltern, die alle auf ihre Art verschroben und komplett konträr zueinander sind, aber ohne deren Ratschläge oder teilweise auch tatkräftige Unterstützung oft was fehlen würde. Die Schwester, mit der man eigentlich nichts gemeinsam hat, aber dennoch immer wie Pech und Schwefel zusammenhält, selbst wenn sie fragwürdige Entscheidungen trifft, oder die Arbeitskolleg*innen, die Nikki und Jason auch wegen des Altersunterschieds klarmachen, was ihnen im Leben wirklich wichtig ist. Sie alle werden eine Rolle im Adoptionsprozess spielen, denn durch ihr jeweiliges Verhalten steuern sie viel zu den Entscheidungen von Nikki und Jason bei, und das durch sie gebildete soziale Netz ist nicht nur für die beiden, sondern auch für die Adoptionsbehörde von größter Bedeutung. Mit der Zeit lernt man also auch die skurrilsten Charaktere lieben, denn man fiebert mit den beiden Hauptfiguren, und die beiden werden schließlich einen Grund haben, warum sie gewisse Personen in ihrem Leben halten.

Foto: Sian Brooke & Navin Chowdhry, Trying - Copyright: Apple TV+
Sian Brooke & Navin Chowdhry, Trying
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Auch abseits der Handlung und Charaktere weiß "Trying" zu überzeugen, denn das Setting der Serie ist mit dem hippen, aber auch etwas schäbigen Stadtteil Camden super gewählt. Immer wieder schlendern die Figuren durch bekannte Straßen oder entlang der Kanäle, an denen die berühmten Londoner Hausboote liegen. Dazu verliebt man sich schnell in den Soundtrack der Serie. Mal ruhig und melancholisch, dann wieder voller Energie - immer mit tollen Singer/Songwriter-Momenten, die einem im Ohr bleiben. Staffel 2 wurde dann durchgängig von Maisie Peters untermalt, was der Serie noch mal einen eigenen Stempel aufdrückt.

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Während sich die erste Staffel von "Trying" noch viel mit der eigentlichen Entscheidung für die Adoption und der damit verbundenen Bürokratie auseinandersetzt, erreicht die Serie spätestens im Finale ihren emotionalen Höhepunkt. Ein Gremium soll darüber entscheiden, ob Nikki und Jason überhaupt als Adoptiveltern geeignet sind. Da man bis dahin acht Folgen und gefühlt einige Monate lang mit ihnen mitgefiebert hat, jeden ihrer Entscheidungsprozesse miterlebt hat und es ihnen einfach nur wünscht, ihren Traum endlich zu erfüllen, weil man sich niemand besseres als Eltern für ein bisher vernachlässigtes Kind wünschen kann, ist es frustrierend, dass das ganze Vorhaben scheitern könnte, bevor es richtig begonnen hat. Gerade die Darstellung Nikkis durch Esther Smith hat mich in dieser Folge vom Hocker gehauen. Nikki war die ganze Zeit über diejenige, mit der man eine Achterbahn der Gefühle durchlebt hat und sie hat auch für die meisten Lacher gesorgt. Sie hat ihr Innerstes nach Außen gekehrt und nun könnte sie erneut ein "Nein" zu hören bekommen. Ihre Vorbereitung, ihre Improvisation, ihre Reaktionen, ihre Gefühle, ihre Stärke, all das wird in den letzten 30 Minuten der ersten Staffel so gut über den Bildschirm transportiert, dass man einfach nur Gänsehaut bekommen muss. Und auch wenn Teile dieser Staffel offen enden, bin ich doch froh, dass es keinen kompletten Cliffhanger gibt.

Foto: Esther Smith & Rafe Spall, Trying - Copyright: Apple TV+
Esther Smith & Rafe Spall, Trying
© Apple TV+

Staffel 2 setzt die Geschichte dann konsequent fort und liefert immer wieder Höhepunkte wie die Liebe auf den ersten Blick oder unerwartete Baumaßnahmen. Ohne zu viel zu verraten, so packte mich die Serie erneut in den beiden Finalfolgen so richtig. Die Geschichte wird unbeirrbar erzählt, wir verstehen die Verhaltensweisen der einzelnen Charaktere noch besser - insbesondere Nikkis Schwester Karen (Siân Brooke) oder auch Jasons Eltern Sandra (Paula Wilcox) und Victor (Phil Davis) haben in dieser Staffel viel mehr Profil erhalten - und schließlich ist es Jason, der einen im Finale überrascht, aber gleichzeitig auch nicht, und einem das breiteste Grinsen aufs Gesicht zaubert.

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Fazit

"Trying" ist wie der Titel schon verrät, eine Serie über den Versuch, ein Kind zu adoptieren. Gleichzeitig ist der Titel aber auch sinnbildlich zu verstehen, dass wir alle doch einfach nur versuchen, unser Leben so zu führen, wie wir es für richtig halten. Jeder Schritt bringt uns ein Stück weiter und eröffnet uns eventuell neue Möglichkeiten und diese so unscheinbare Serie trifft es durch ihre Authentizität einfach auf den Punkt. Man lacht mit den Figuren, man weint mit den Figuren, man fiebert mit ihnen mit und man wünscht ihnen einfach nur, dass ihre Versuche endlich irgendwann auch in Erfolg münden. "Trying" ist eine Achterbahn der Gefühle und sich nicht zu schade, sowohl die lustigen, als auch die emotionalen Momente im Leben voll auszukosten.

Die Serie "Trying" ansehen:

Catherine Bühnsack - myFanbase

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